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Also man kann Kulturen in Projekte verwandeln. Kulturen waren eigentlich bisher Driften, die in der Zeit sich abgespielt haben, durch den Generationenprozess. Eine Kultur, ist konventionell verstanden, nichts anderes als eine Population, der es gelingt ihren eigenen Generationenprozess unter Kontrolle zu bringen, mithilfe von symbolischen Techniken und mithilfe der Reproduktion von Lebensformen und Lebensmustern von Generation zu Generation. In unserer Zeit wird dieses Generationengeschehen überlagert von schnelleren Rhythmen. Man möchte nicht mehr so lange warten bis die neue Generation da ist. Man möchte der neuen Generation in gewisser Weise zuvor kommen – durch ein Projekt. Das ist das, was heute das Wesen aller Kulturpolitik im regionalen Kontext ausmacht. Landschaftsplanung, Regionalplanung, Stadtplanung, Kulturplanung, das sind alles Projekte einer Ungeduld, die nicht 30 Jahre warten kann, bis eine ganze neue Generation sich reproduziert hat.


Und wir wissen aus der allgemeinen Wirtschaft, dass solche Beschleunigungen funktionieren. Kapitalismus ist nicht anderes als ein einziges großes Beschleunigungsverfahren für kulturelle Projekte. Ja, der Kapitalismus ist eigentlich die große Raumfähre, die Menschen dazu befähigt, aus der relativen Langsamkeit des Generationenrhythmus auszusteigen und in schnellere Reproduktionsrhythmen umzusteigen. Das sind sozusagen diese kapitalistischen Raumgleiter, die es uns erlauben mit Hilfe von Geldinvestitionen in kürzeren Fristen Renditen zu erzeugen; ob das nun symbolische Renditen sind, kulturelle Renditen sind, ökonomische Renditen sind, die sich auf unseren Bankkonten darstellen, das spielt in diesem Zusammenhang keine so wesentliche Rolle. Tatsache ist, dass die Rendite, also dass die Rückkehr des Resultats - das ist ja das Wort Rendite, in der Sache verstanden -, die Rückkehr des Resultats schneller eintrifft als die neue Generation.


Die neue Generation ist immer eine Sache, die 25, 30 Jahre braucht bevor die eintrifft in ihrer ganzen Wirklichkeit und Wirkungsmächtigkeit. Solange will der Mensch in der modernen Gesellschafts- und Weltform nicht mehr warten, ja. 30 Jahre hat kein Mensch mehr heute von uns Zeit. Wir wollen Resultate innerhalb eines Jahres, von zwei Jahren, drei Jahren, vielleicht in fünf Jahren, das kommt einem dann aber schon unendlich langfristig vor, auf dem Tisch liegen sehen, nicht wahr. Und die ganz großen Utopisten denken vielleicht noch in einem 10-Jahres-Zeitraum. Für eine ganze Generation hat heute niemand mehr Zeit.


Und das Ruhrgebiet ist sicher auch eine Landschaft, in der diese Mobilmachung der langsamen Prozesse zugunsten der schnelleren Prozesse sich in einer exemplarischen Form darstellt. Es gibt nicht wenige Leute und das sind nicht die Dümmsten, die uns heute darauf hinweisen, dass möglicherweise eine gewisse Demobilisierung, eine Verlangsamung der Renditeerwartung im weitesten Sinne des Wortes, der Resultaterwartung, der Ergebniserwartung, dass eine Verlangsamung dieser Vorgänge möglicherweise uns heute besser täte als die immer weiter gehende Beschleunigung des Renditegedankens. Denn die natürliche Grenze der Reproduktion ist eben immer die, die durch die Generation gesetzt wird. Und Die Generation ist eben der Vorgang, der sich in einem sehr langsamen Umschlag, in einem etwa 25-Jahres-Rhythmus vollzieht und der viermal in eine Jahrhundert ungefähr stattfinden kann.


Aber der Kapitalist hat nicht Zeit dafür, dass nur viermal in einem Jahrhundert es in der Kasse klingelt, der möchte eigentlich, wie wir alle wissen, alle viertel Jahre einmal in seine Bücher schauen und möchte, dass es alle drei Monate klingelt. Und wahrscheinlich die kulturelle Weisheit dürfte darin bestehen, dass wir heute diese Option auf Hyperbeschleunigung wieder zurücknehmen und uns mit etwas langsameren Rhythmen zufrieden geben.


Peter Sloterdijk, Nobody has time for an entire generation any more